Neurotische Störungen (Neurosen)

Unter Neurosen wurden früher psychische Störungen verstanden, die sich durch übertriebene Ängste äußern und bei denen von einer lebensgeschichtlichen – psychischen – Verursachung ausgegangen wurde. Sie wurden als Gegenstück zu den Psychosen gesehen, bei denen körperliche Ursachen vermutet wurden. Inzwischen wurde der Begriff aber zugunsten einer differenzierteren Aufteilung in verschiedene Störungsgruppen aufgegeben – zum einen, um den verschiedenen unter “Neurosen” zusammengefassten Störungsbildern besser gerecht zu werden, zum anderen, weil sich die damit verbundenen theoretischen Annahmen (wie die der psychischen versus körperlichen Verursachung) nicht in dieser Form halten ließen. Nachstehend zwei der wichtigsten Neurotischen Störungen im Detail:

Angst und Zwangsstörungen

Hier hat sich in der Beschreibung der Krankheitsbilder in den vergangenen Jahren viel verändert. Unter den Angststörungen unterscheidet man sogenannte phobische Störungen von Panikstörungen und generalisierten Angststörungen. Zu den phobischen Störungen gehören Ängste, die sich auf gezielte Dinge oder Situationen richten. Die bekannteste ist die Platzangst – die Angst vor offenen Plätzen, Angst, das eigene Haus zu verlassen, Geschäfte zu betreten, sich in eine Menschenmenge oder auf öffentliche Plätze zu begeben oder allein in Zügen, Bussen oder Flugzeugen zu reisen. Häufig muss in solchen Situationen sofort ein möglicher Fluchtweg gesucht werden. Weitere phobische Störungen sind z.B. Spinnenangst, Mäuseangst und vieles andere mehr.

Die Panikstörungen zeichnen sich dadurch aus, dass wiederholt schwere impulsive Angst- oder Panikzustände auftreten, die sich nicht auf spezifische Situationen beschränken und deshalb nicht vorhersehbar sind. Die Symptome können variieren. Typisch sind plötzliches Herzklopfen, Brustschmerzen, Erstickungsgefühle, Schwindel und das Gefühl der Entfremdung. Es besteht die unmittelbare Angst, sofort zu sterben, die Kontrolle zu verlieren oder psychotisch zu werden. Diese Anfälle dauern in der Regel nur wenige Minuten, manchmal etwas länger. Da diese Situationen plötzlich und unberechenbar auftreten, entsteht schließlich eine Angst vor der Angst.

Unter die generalisierten Angststörungen werden anhaltende Symptome von Angst zusammengefaßt, die sich ebenfalls nicht auf bestimmte Situationen beschränken. Dabei treten z.B. Nervosität, Zittern, Muskelspannung, Schwitzen, Benommenheit, Herzklopfen, Schwindelgefühle oder Oberbauchbeschwerden auf, die fortbestehen. Sollen Ängste konkretisiert werden, kreisen diese um nächste Angehörige, denen etwas zustoßen könnte, oder sie betreffen das Gefühl einer Vorahnung. Solche Ängste können begleitet sein von weiteren Symptomen, z.B. depressiven Verstimmungszuständen oder Zwangssymptomen. Die besondere Kombination von Angst und Zwangssymptomen wurde in den vergangenen Jahren häufiger beschrieben. Sie wurde sozusagen zu einer »Modekrankheit«. Einige Jahre zuvor schien sie in dieser Form noch nicht existent zu sein.

Anpassungsstörung

Unter einer Anpassungsstörung wird die Unfähigkeit einer Person verstanden, auf dramatische Lebensereignisse angemessen psychisch zu bewältigen. Die Ursachen sind mögliche Anlässe, die eine Anpassungsstörung nach sich ziehen, wie zum Beispiel Trennungen, Tod einer nahe stehenden Person, Verlust der Heimat oder auch des Arbeitsplatzes. Die häufigsten Symptome sind: depressive Verstimmungen, diffuse Ängste als auch Existenz – oder Überlebensängste, Verlust an Selbstvertrauen und ungewohnte Schwierigkeiten bei der Bewältigung von Alltagsarbeiten. Vor allem bei Jugendlichen kann sich eine Anpassungsstörung durch gereiztes – aggressives Verhalten äußern, bei Kindern durch Bettnässen und Rückfall in bereits überwundene Entwicklungsphasen (z.B. Daumenlutschen, Babysprache). Eine Anpassungsstörung tritt meist im ersten Monat nach dem auslösenden Ereignis ein und kann maximal sechs Monaten anhalten. Vielen Betroffenen kann effektiv mit einer oft kurzzeitigen Psychotherapie geholfen werden. In sehr schweren Fällen, bei denen eventuell auch eine erhöhte Selbstmordbereitschaft besteht, ist manchmal eine befristete medikamentöse Unterstützung zur Psychotherapie notwendig